Ein Körper ohne Scham ist keine Übung im Selbstbild. Es ist eine Übung in Aufmerksamkeit. Die meisten von uns lernen, ihren Körper durch fremde Augen zu sehen (die der Mode, des Partners, der Gesellschaft). Hier geht es nicht darum, wie der Körper aussieht. Es geht darum, wie der Körper fühlt.
Die drei folgenden Übungen sind keine Esoterik und brauchen keine Ausrüstung. Jede kannst du im Schlafzimmer machen, angezogen oder nicht, allein oder mit einem Partner. Zusammen dauern sie etwas weniger als 20 Minuten. Lies zuerst alle drei, dann wähle jene, die dich am wenigsten abschreckt, und beginne mit ihr.
Eine Sache, bevor du anfängst: Alle drei Übungen akzeptieren, dass dir der Sprung zum Handy, die Erinnerung für morgen oder der Gedanke, das sei albern, in den Kopf kommt. Das ist normal. Die Übung besteht nicht darin, die Gedanken zu vertreiben. Die Übung besteht darin, zurückzukehren.
Übung 1: Zwerchfellatmung
Leg dich auf den Rücken, die Knie leicht angewinkelt, die Füße auf dem Boden. Lege eine Hand auf die Brust, die andere auf den Bauch, knapp unter den Nabel.
Atme langsam durch die Nase. Das Ziel: Die Hand auf dem Bauch hebt sich, die Hand auf der Brust bleibt fast ruhig. Das ist Zwerchfellatmung: Das Zwerchfell drückt nach unten, der Bauch füllt sich mit Luft, die Brustwand entspannt sich.
Einatmen 4 Sekunden, ausatmen 6 Sekunden. Wiederhole 5 Minuten lang. Wenn deine Gedanken abschweifen, ist das nicht schlimm: Bring die Aufmerksamkeit zum Bauch zurück und fahre fort. Bemerke nach 5 Minuten, wo im Körper weniger Spannung ist als zuvor.
Übung 2: Körperscan
Bleib liegen. Schließe die Augen. Beginne mit der Aufmerksamkeit am Scheitel des Kopfes und bewege sie langsam nach unten: Stirn, Augen, Kiefer, Hals, Schultern, Arme, Brust, Bauch, Hüften, Beine, Füße.
Halte bei jedem Teil für 3 Atemzüge inne. Beurteile nicht, was du fühlst. Bemerke es einfach. Wärme? Kribbeln? Druck? Nichts? Alle Antworten sind richtig.
Diese Übung entspannt den Körper nicht mit Zwang. Sie entspannt ihn, indem sie ihm sagt, dass du hier bist. Der Körper wartet oft nur darauf.
Übung 3: bewusste Berührung
Setz dich bequem hin. Berühre mit einer Hand leicht die andere Hand: zuerst den Handrücken, dann den Unterarm, dann den Ellbogen, dann den Oberarm. Bewege dich langsam, als würdest du jemanden berühren, den du zum ersten Mal triffst.
Die Absicht ist nicht erotisch. Die Absicht ist einfach: dem Körper die Erfahrung einer Berührung zurückzugeben, die niemand bewertet. Ohne Ziel, ohne Fortsetzung, ohne Vorstellung.
Wenn du einen Arm beendet hast, wechsle. Dann Hals, Schultern, Gesicht. 5 bis 10 Minuten reichen.
Wenn du diese Übung mit einem Partner machst, stelle eine Regel auf: Beide schweigen, jeder hat 5 Minuten, die Übung beendet derjenige, der spürt, dass es genug ist. Kein Gespräch, kein Nachfragen. Erst dann öffnet sich ein Raum, in dem die Berührung keine Erwartung trägt.
Ein häufiger Irrtum: Menschen geben die Übung auf, weil sie sich nach den ersten zwei Versuchen nicht anders fühlen. Die Wirkung liegt nicht in einem Tag, sie liegt in der Wiederholung. Nach 10 Tagen wirst du bemerken, dass der Körper die Spannung früher wahrnimmt, bevor der Kopf dich einholt. Das ist das eigentliche Ziel.
Ein Körper ohne Scham ist kein Ziel, das du erreichst. Es ist ein Raum, den du durch Übung festigst. 3 oder 4 Wochen regelmäßiger Arbeit zeigen mehr als jedes Produkt.




